Veranstaltungsrückblick

Festrede zur Namensgebung Grundschule Rabenstein „Hans-Carl-von-Carlowitz“ am 8. August 2016

Liebe Schülerinnen und Schüler! Liebe Kinder!

Zu allererst möchte ich mich an euch wenden. Ihr habt schon gemerkt: Heute ist ein ganz besonderer Tag für eure Schule. Sie wurde für Euch in einer alten und sehr schönen Hülle wie neu gebaut und sie  bekommt einen neuen Namen. Wenn also jemand von euch demnächst gefragt wird: Wo gehst du zur Schule? Dann könnt ihr antworten: Ich gehe zur Carlowitz-Schule, oder kurz „in die Carlo“. Aber dann wollt ihr bestimmt auch wissen: Wer war denn eigentlich dieser Carlowitz? Und von ihm möchte ich euch jetzt etwas erzählen. Am besten, ihr schaut euch erst mal dieses Bild an.

Da ist er, der bild-carlo-schuleHerr von Carlowitz. Kommt er euch auf den ersten Blick nicht etwas fremd vor? Ziemlich altmodisch, oder? Wie ein Schlossherr in einem Märchenfilm. Dornröschen oder so. Er guckt ziemlich streng, fast zornig. Und Ihr wundert euch sicher über seine langen Haare. Wenn ihr genauer hinschaut, seht ihr vielleicht: Er trägt eine Perücke. Um den Hals hat er ein Seidentuch geschlungen. Und statt einer Jacke hat er eine eiserne Rüstung an. All das war einmal die neueste Mode. Aber das ist natürlich schon sehr, sehr, sehr lange her. Dieser alte Herr könnte euer Ur-ur-ur-ur-ur- ur-ur- ur-ur.ur-Opa sein. Habt ihr mitgezählt? Großvater mit zehnmal „ur“. Dieser alte Herr lebte zehn Generationen vor euch. Also vor über 300 Jahren. Das war die Zeit, als man noch mit der Postkutsche von Chemnitz nach Dresden fuhr. Das war die Zeit, als man in Meissen das Porzellan erfand. Aber es war in Sachsen auch eine Zeit von Not und Krieg. Vielleicht hat ihn das zornig gemacht.

Das also ist dieser Hans Carl von Carlowitz, der neue Namensgeber eurer Schule. Ein Mann aus einer fernen Vergangenheit. Aber, und das müsst ihr auch wissen: Er war einer von uns, ein Rabensteiner Junge. Er ist nämlich in Rabenstein geboren, als das noch eine winzige Siedlung von vielleicht hundert Leuten war. An dem alten Taufbecken in der Georgskirche, das ja heute noch da ist, wurde er getauft. Wie vielleicht der eine oder andere von euch auch. Auf der Burg ist er aufgewachsen. Sein Vater war nämlich der Burgherr. Im Rabensteiner Wald ist er mit seinen Spielkameraden herumgestromert. In Rabenstein hat er Lesen und Schreiben, Rechnen und Singen gelernt. So wie ihr jetzt hier in eurer Schule. Und dann ist er in die große, weite Welt gezogen. Hat sich in ganz Europa umgesehen. Hat viel gelernt. Sprachen und Naturwissenschaften, die Kunst des Lebens.

Und dann ist er zurück nach Sachsen gekommen und hat sich mit dem erworbenen Wissen und Können in seiner Heimat nützlich gemacht. Sehr nützlich sogar. Beruflich war er sozusagen der Chef des Bergbaus im Erzgebirge. Der hatte damals eine Blütezeit. Viele tausend Bergleute förderten auf den Gruben Silber, Kupfer, Zinn und andere Metalle. Sie sorgten dafür, dass es dem Land wieder besser ging.

Aber das Interesse von Carlowitz galt eigentlich dem Wald. Er sah, dass man die Wälder im  Erzgebirge immer weiter abholzte. Er sah voraus, dass nur noch kahle Flächen übrig bleiben würden, wenn, ja, wenn man so weiter machte. Das wollte er mit aller Kraft verhindern. Er wollte, dass die Generationen 300 und mehr Jahre nach ihm auch noch große und schöne Wälder in ihrer Umgebung haben. Dass die Kinder von heute, Ihr also, frische Waldluft atmen können. Dass Ihr Möbel aus Holz in euren Kinderzimmern haben könnt. Dass Ihr mit Spielzeug aus Holz spielen könnt. Dass Ihr  Leckeres vom Holzkohlen-Grill essen könnt.

Für die nachkommenden Generationen zu sorgen, also auch für uns – das hat sich Carlowitz zu seiner  Lebensaufgabe gemacht. Darüber hat er ein dickes Buch über geschrieben.

Dieses Buch über denSchule-eröffnungsrede Waldbau hat seinen Namen berühmt gemacht. Deshalb kennen und ehren wir ihn noch heute. In Chemnitz, in Sachsen, Deutschland. Ja sogar in der ganzen Welt. Deshalb haben sich Lehrerinnen, Lehrer und Eltern und der Stadtrat von Chemnitz entschlossen, eurer Schule nach Hans Carl von Carlowitz zu benennen.

Liebe Eltern!

In dem Nachruf auf unseren Carlowitz aus dem Jahre 1714 fand ich einen bemerkenswerten Satz: „Trotz damaliger kümmerlicher Zeiten unseres geliebten Vaterlandes“, so heißt es dort, hätten seine Eltern für die Erziehung ihres Sohnes „allen Fleiß und Kosten angewendet“. Ist das nicht wie eine Flaschenpost aus fernen Zeiten an unsere Gegenwart. „Kümmerliche Zeiten“. Was ist damit gemeint? Ich habe es schon angedeutet. Als Carlowitz geboren wurde, war der verheerende  30jährige Krieg noch nicht zu Ende. Chemnitz hatte unter den ständigen Belagerungen und Plünderungen durch die Soldateska aller Kriegsparteien unsäglich gelitten. Die Stadt, so heißt es in einer zeitgenössischen Quelle, glich einer „Brandstätte“. Kaum ein Drittel der Häuser in der Stadt war noch heil. Einige Dörfer in der Umgebung waren durch den Krieg und in seinem Gefolge durch Pest und Hungersnot ganz vom Erdboden verschwunden.

Und trotz alledem.  Als endlich wieder Frieden war, machten sich die Menschen hierzulande tatkräftig an den Wiederaufbau ihres verwüsteten Landes. Und in dieser Zeit der Not wandten die Eltern des kleinen Hans Carl alle Mühen und Kosten auf, um ihrem Kind die bestmögliche Erziehung angedeihen zu lassen. Heute würde man sagen: Bildung für ihre Kinder war für die Familie die wichtigste Investition in die Zukunft. Eine Schule gab es damals in Rabenstein nicht. Die Schullaufbahn des jungen Carlowitz begann in Werdau. Anschließend wurde er, so heißt es in der Quelle, „auf das damals berühmte Gymnasium zu Halle verschicket“. Es gehörte zu den bedeutenden Schulen des Landes. Es hatte 500 Schüler, darunter viele Auswärtige. Auf dem Lehrplan standen die alten Sprachen  Latein, Griechisch und Hebräisch. Dazu kamen Fächer wie Mathematik, Logik, Geschichte und Geographie. Kirchenmusik und Gesang wurden gepflegt, aber auch Botanik und Astronomie. Es ging nicht vorrangig um praktisches Wissen, sondern um die Formung eines Weltbildes und die Bildung von Persönlichkeiten. Natürlich im Rahmen der damaligen barocken Zeitgeistes.

„Fremde Länder sind die besten Schulen hohen Schulen kluger Aufführung“. Auch dieser Satz steht in seinem Nachruf. Der Auslandsaufenthalt des jungen Carlowitz, damals sprach man von „Kavaliersreise“ dauerte fünf Jahre und führte ihn fast durch ganz Europa – von Schweden bis Malta, von London über Paris nach Rom. Diese langen Lehr- und Wanderjahre, die ihm sein Elternhaus ermöglichte, legten den Grundstein für seine spätere Leistung.

Worin besteht diese Leistung? Mit seinem Buch hat ein Wort in die Welt gesetzt, das heute in aller Munde ist: Nachhaltigkeit. Es bedeutet, kurz und bündig: Nicht mehr Holz fällen als nachwächst. Diese Faustregel besagt im Kern: Unser Eingriff in die Natur – das Holzfällen – muss sich nach der Regenerationskraft der Natur  – dem Nachwachsen – richten. Das ist in einem Satz die Botschaft von Carlowitz dickem Buch. Nachhaltigkeit beinhaltet also  den Respekt vor der heilen Natur. Nachhaltigkeit ist eine Mahnung zur Selbstbeschränkung. Und damit ein ethisches Prinzip, ein Grundwert, Vielleicht der wichtigste, den wir im 21. Jahrhundert haben.

Wenn wir heute unserer Schule seinen Namen geben, ehren wir einen Rabensteiner, der uns und der Welt etwas Großartiges hinterlassen hat.

Liebe Lehrerinnen und Erzieherinnen!

Mit der Namensgebung gehen wir auch eine gewisse Verpflichtung ein. Wie wäre dieses Vermächtnis zu pflegen? Nicht indem wir die Lebensdaten von Carlowitz pauken oder Zitate auswendig lernen lassen. Sondern indem wir, ich will mal sagen, einen Hauch vom Geist der Nachhaltigkeit in unserer Schule wehen lassen. Dazu gehört die Freude an der Schönheit der Natur.

Carlowitz sprach von dem „Wunder der Vegetation“ und der „lebendig machenden Kraft der Sonne“, von der „unsagbaren“ Schönheit eines grünenden  Laubwaldes im Frühling. Unseren Kindern heute wieder den Wert von Naturverbundenheit – und die Lust daran – zu vermitteln – wäre das nicht ein lohnendes pädagogisches Ziel? Auch wenn sich das im unserem Computer-Zeitalter schwieriger gestaltet als je zuvor. Carlowitz formulierte auch den Gedanken, dass Nahrung und Unterhalt auch den „armen Unterntanen“, wie er damals sagte, zusteht. Untertanen gibt es heute nicht mehr. Doch den Respekt vor der menschlichen Würde, unabhängig von Stand oder Einkommen des Betreffenden,  von Kindesbeinen an zu etwas Selbstverständlichem zu machen, auch das sehe ich als eine Aufgabe von Schule an.

Die Lust am lebenslangen Lernen sollte möglichst in der Grundschule angelegt werden. Wem die Lust am Lernen erst mal vergangen ist, wird sie nur schwer neu entwickeln können. Vielleicht ist diese Eigenschaft und Haltung das Wichtigste, was eine Schule ihren Schülern und Schülerinnen mitgeben kann. Denn lebenslanges Lernen ist die Voraussetzung, um ein gutes, ein bejahenswertes Leben für sich und andere gestalten zu können. Auch in schwierigen Zeiten.

Unsere Kinder sind die ersten in der langen Kette der nachfolgenden Generationen, von der in den Nachhaltigkeitsstrategien der Politiker so viel die Rede ist. Andersherum gesagt: „Wir haben die Erde nicht von unseren Eltern geerbt, sondern nur von unseren Kindern geliehen.“ Das steht jetzt nicht so bei Carlowitz. Das ist eine indianische Weisheit. Aber, da bin ich mir sicher, wenn der alte Carlowitz, zu dessen Lebzeiten die nordamerikanischen Prärien und Bergketten noch von Indianern bevölkert waren, wenn er diesen Satz gehört hätte, dann hätten sich bestimmt für einen Moment seine ernsten Gesichtszüge aufgehellt, und er hätte zustimmend gelächelt.

Der Grundschule Rabenstein „Hans-Carl-von-Carlowitz“ ein kräftiges Glück auf!

Dr. oec. habil. Dieter Füsslein, Vorstandsvorsitzender Hans-Carl-von-Carlowitz-Gesellschaft e. V.

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Fotos: Dr. Gert Kreiselmeier