Joachim Hamberger und Markus Vogt: Nachhaltigkeit braucht MUTation

„Von Nachhaltigkeit imprägniert“, so beschreibt der neue Ministerpräsident Kretschmann den Koalitionsvertrag zwischen Grünen und SPD in Baden-Württemberg. Seine Partei strebe eine Gesellschaft im Sinne der Nachhaltigkeit an. Nachhaltigkeit steht auch bei anderen Politikern hoch im Kurs: Der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer führt das Wort häufig im Mund und Bundeskanzlerin Angela Merkel beschwört es in einem Drei-Seiten-Papier gleich 26-mal. Dem Bundespräsidenten soll in der Verfassung die Funktion eines Nachhaltigkeits-Anwaltes zugeschrieben werden, schlägt die ZEIT vor. Und die UN fordert eine grüne Revolution in Chefetagen und eine Hinwendung zu Nachhaltigkeit, weil die natürlichen Ressourcen nicht unerschöpflich seien und der Raubbau der Wirtschaft nicht uneingeschränkt fortgehen dürfe.

Nachhaltigkeit, eine modische Phrase für alles und jedes oder ein politisches Leitbild für den Wandel zu einer gerechteren Welt? Der Begriff ist abstrakt, schwer fassbar; ein Modebegriff und doch ein wenig angestaubt – denn demnächst wird er schon 300 Jahre alt. Der ideengeschichtliche Hintergrund hilft zu verstehen, was gemeint ist.

1713 fällt der Begriff das erste Mal. Hans Carl von Carlowitz verwendet ihn in einem Buch über Waldbau. Er beschreibt damit eine Ressourcennutzung, bei der Natur und Wirtschaft im Gleichgewicht liegen. Damals basiert die Wirtschaft ausschließlich auf erneuerbaren Energien und nachwachsenden Rohstoffen. Die komplette Energie für die private Hausfeuerung, für Industrie und Gewerbe kommt aus dem Wald, und auch die Basisstoffe und Rohmaterialien für chemische Industrie, für Baugewerbe, Schifffahrt, Fahrzeugindustrie usw. werden in den Wäldern erzeugt. Die Abhängigkeit der gesamten Wirtschaft vom Rohstoff Holz ist vollkommen. Wachstum und Wirtschaftskraft beruhen in erster Linie auf Rohstofflieferungen aus dem Wald.

Der Forst ist damals also kein Orchideensektor der Wirtschaft, wie er vielleicht heute wahrgenommen wird, sondern hat eine umfassende Grundlagenfunktion für alle anderen Branchen. Wohlstand hängt im 18. Jahrhundert am Waldzustand. Wegen der wachsenden Bevölkerung und der damit verknüpften steigenden Nachfrage kommt es aber immer öfter und andauernder zu Ressourcenengpässen. Den Rohstoff- und Energiefluss aus dem Wald sicherzustellen hatte deshalb hohe Priorität für die Stabilität der Volkswirtschaften.

Nachhaltigkeit 1.0: Aufklärung und Forstwissenschaft

Aus wirtschaftlicher Sicht gibt es ein großes Problem mit dem Produkt Baum: Die Produktionsprozesse im Wald dauern mindestens 50 Jahre und sind von vielen Risiken begleitet. Weil Ursache (Pflanzung) und Wirkung (Ernte) weit auseinanderliegen, ist eine prozessorientierte Art des Wirtschaftens erforderlich, die vom Vorgänger übernimmt, selbst gestaltet und an die Nachfolger unvollendet übergibt. Holz erzeugen ist ein Prozess der kollektiven, seriellen Verantwortung.
Langfristiges und systemisch ganzheitliches Denken ist schon vor 300 Jahren bei den Managern dieser Branche unerlässlich. Das sind die Rahmenbedingungen, in denen nachhaltiges Denken aus einem ethischen und volkswirtschaftlichen Blickwinkel heraus entsteht.

Ideengeschichtlich wird das langsam fassbar werdende Prinzip in der frühen Aufklärung formuliert. „Sapere aude“, wage zu denken! Aus der Unmündigkeit führt sich der Mensch selbst heraus zu vernunftgeleitetem Denken. Die Natur wird nicht mehr als grenzenloses Geschenk eines für die Menschen vorsorgenden Gottes gesehen, sondern als endliche Ressource, die mit Mitteln des Verstandes erfasst, analysiert und bewirtschaftet werden muss, wenn man sich dauerhaft ihrer Früchte sicher sein will.

Nachhaltig handeln heißt in der Sprache der Aufklärung vernünftig handeln, die Dinge durch-denken. Das war nicht selbstverständlich und ist es auch heute nicht. Vieles lief und läuft, wie es läuft, „weil es schon immer so war“ und weil der Mensch sich schwertut, eingefahrene Muster zu durchbrechen. Durch-denken bedeutet also, eigenes Handeln immer wieder an Werten und Zielen messen, um sie neu zu ordnen, und so zu durchdachten Entscheidungen und Handlungen zu elangen.
Durchdenken ist also der Weg vom unbewussten Umgang zum bewussten Umgang mit den Dingen, vom ungeplanten Nehmen zum geplanten Ernten, vom unachtsamen Raffen zum achtsamen Pflücken, vom nachlässigen Verbrauchen zum nachhaltigen Nutzen. Da ist es, das Wort, das Hans Carl von Carlowitz, Oberberghauptmann in Kursachsen, vor beinahe 300 Jahren einführte, um genau diesen Gedanken zu beschreiben: nachhaltend nutzen!

Die Aufklärung erfindet für die Wirtschaft den Merkantilismus und für die Staatsfinanzen den Kameralismus, um das Gemeinwesen volkswirtschaftlich effizienter zu gestalten. Auch die Bildung ist gemeinwohlorientiert. Das ganze 18. Jahrhundert ist ein Jahrhundert der gemeinnützigen Bestrebungen, alle technischen Projekte werden im Sinne einer säkularisierten Moral mit der Verantwortung für den „gemeinen Nutzen“ verbunden. Rousseau formuliert es mit politischem Zungenschlag als volonté générale. Die Nachhaltigkeit als Bestreben der umfassenden Ressourcenvorsorge für den gemeinsamen Nutzen über die Zeit ist Teil dieses neuen Denkens.

Die Industrielle Revolution unterläuft die forstliche Nachhaltigkeit

Im 19. Jahrhundert führen vor allem die Dampfmaschine und die sich daran anknüpfende industrielle Revolution zu einem rapide wachsenden Energiebedarf, der unmöglich aus den Vorräten der Wälder gedeckt werden kann. Der Rohstoff Holz wird knapp. Einen Ausweg bieten die in Fülle vorhandenen „unterirdischen Wälder“ aus Steinkohle, die mit Nachdruck erschlossen werden. Das ermöglicht Energieverzehr und Wachstum, die keine Grenzen zu kennen scheinen. Mit der neuen, erdgeschichtlichen Energie löst sich die Produktion von den Fesseln der nachwachsenden Rohstoffe. Mit der industriellen Revolution beginnt nun ein fossiles Zeitalter, das nicht mehr von den Früchten der eigenen Zeit zehrt, sondern die Speicher der Vergangenheit verzehrt. Kohle, Erdgas, Erdöl sind seither Substitute für Brennholz; Stahl, Glas, Beton sind Ersatzstoffe für Bauholz. Das hat den Wald entlastet. Die heutige Forstwirtschaft ist deshalb zwar in sich nachhaltig, unsere Wirtschaft aber ist es nicht.

Nachhaltigkeit 2.0: Das Dreisäulenkonzept

Eine zweite Phase der Begriffsgeschichte beginnt mit den UN-Konferenzen für Umwelt und Entwicklung 1987, 1992, 1997 und 2002. Hier geht es um die Integration von Umweltschutz und Armutsbekämpfung, also um den Zusammenhang globaler und intergenerationeller Gerechtigkeit. Mit der Konferenz von Rio 1992 wurde „sustainable development“ zum Programm für eine globale Partnerschaft mit den gleichberechtigten Zielen ökologische Tragfähigkeit, soziale Gerechtigkeit und wirtschaftliche Effizienz (Dreisäulenkonzept). In den Konventionen für Klimaschutz und Biodiversität sowie in der „Agenda 21“, dem wichtigsten Dokument der Riokonferenz, wurde daraus ein „Handlungsprogramm für das 21. Jahrhundert“ abgeleitet, dessen fundamentaler ethischer Anspruch sich mit der Erklärung der Menschenrechte vergleichen lässt.

Der Begriff Nachhaltigkeit ist heute unentbehrlich, weil er Brücken baut zwischen wirtschaftlichem Handeln und ethischer Verantwortung, zwischen Gegenwart und Zukunft, zwischen Ursache und Wirkung. Nachhaltigkeit führt weg von der Nachsorge hin zur Vorsorge, weg vom linearen hin zum systemischen Denken. Kein anderer Begriff bündelt in sich so sehr soziale, ökonomische und ökologische Interessen auf zukunftsfähige Entwicklung wie dieser. Er ist ein Dachbegriff, der in sich viele Aspekte positiver Zukunftsgestaltung vereint. Betriebe und Projekte, die sich als nachhaltig bezeichnen, wollen sich vom konventionellen Wirtschaften abgrenzen und Dauerhaftigkeit und Verantwortungsgefühl vermitteln. Meist wird dabei die „grüne“ Dimension der Nachhaltigkeit stark betont.

Vielgebraucht und verbraucht?

Vor dem Hintergrund der tiefen ökologischen, sozialen und ökonomischen Krisen des frühen 21. Jahrhunderts, in denen das Fortschrittsversprechen der Moderne an Plausibilität verliert, wird Nachhaltigkeit in vielen Bereichen oft wie eine Art Heilsbegriff verwendet: nachhaltige Bildung, nachhaltige Stadtplanung, nachhaltige Logistikketten, nachhaltiges Management, nachhaltiges Bauen. Solche Bezeichnungen begegnen uns inzwischen jeden Tag und überall, von der Werbung bis zur Talkshow. Deshalb ist für viele „Nachhaltigkeit“ zum Gummibegriff geworden, der von allen für alles verwendet wird. Er ist eine Projektionsfläche für Wünsche und Hoffnungen aller Art. Nachhaltigkeit wird als Codewort eingesetzt, um ein positives Image und strategische Vorteile bei der Vermarktung von Produkten zu erzielen. Unternehmen, die ihre Produkte mit Nachhaltigkeit etikettieren, sorgen für ein reines Verbrauchergewissen, oft ohne sich selbst wirklich zu etwas zu verpflichten. In der PR-Branche bezeichnet man dies inzwischen als Greenwashing. Der auf das Versprechen einer unmittelbaren Win-win-Synergie von ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Zielen angelegte Integrationsbegriff von Nachhaltigkeit, der allen alles geben will, läuft leer in Beliebigkeit.

Nachhaltigkeit 3.0: MUTation für ein neues Wohlstandsmodell

Nachhaltigkeit steht nicht nur für ein sozioökonomisches Programm der Ressourcenschonung, sondern darüber hinaus für eine ethisch-kulturelle Neuorientierung. Sie ersetzt das neuzeitliche Fortschrittsparadigma des unbegrenzten Wachstums durch die Leitvorstellung einer in die Stoffkreisläufe der Natur eingebundenen Entwicklung. Die Überwindung fossil-atomarer Abhängigkeiten wird zum entscheidenden Maßstab für Fortschritt. Nachhaltigkeit braucht eine neue Zuordnung von Verantwortung und Freiheit, eine globale Leitkultur der ökologischen Humanität, ein Denken und Gestalten im Zusammenhang von Generationen. Sie basiert auf Vielfalt, Risikovermeidung, Kooperation, Wertschätzung und politischer Partizipation.

Nur wenn eine solche globale Leitkultur alle Bereiche menschlichen Handelns durchdringt und zu einem achtsamen und suffizienten Lebensstil führt, kann Nachhaltigkeit gelingen. Denn die vergangenen Jahrzehnte haben deutlich gezeigt, dass die ständige unersättliche Steigerung des Anspruchsniveaus alle Erfolge im Umweltschutz sowie oft auch in der Armutsbekämpfung zunichtemacht. Eine Kultur des Maßhaltens kommt nicht aus dem Nichts. Sie muss entwickelt, gepflegt, über Bildung vermittelt und für unterschiedliche Lebenswelten operationalisiert werden. Die Entdeckung des Maßhaltens und der Sparsamkeit als Innovationsfelder für zukunftsfähiges Wirtschaften steht erst am Anfang. Nachhaltiger Wohlstand achtet auf biologische und soziale Rhythmen, also zeitlichen aufeinander abgestimmter Ordnungsmuster, als Chancen für Lebensqualität. Rhythmen sind das entscheidende Medium der Bindung, durch das Gesellschaften zusammenhalten und das es den Individuen ermöglicht, sich im sozialen Raum zu lokalisieren. Nachhaltigkeit zielt auf Zeitwohlstand als Erhöhung der individuellen Zeitsouveränität durch selbstbestimmte Zeitgestaltung und Zeitvielfalt statt zeitlicher Monokulturen sowie auf ein Finden der rechten Zeitmaße im Umgang mit der Natur.

Die Weltgemeinschaft steht vor großen Herausforderungen: Finanzkrise, Klimawandel, Globalisierung. Die Ziele scheinen klar, wir brauchen einen sozialverträglichen Kapitalismus und eine klimagerechte Zivilisation. Aber der Weg dahin ist weit und mit vielen Hindernissen verstellt. Mächtige Lobbys wehren sich, etwas abzugeben von ihrem Kuchenstück. Denn der Blick zur Mitte fehlt, zum Gemeinwesen, das alle Gruppen trägt, das aber nur funktionieren kann, wenn jeder mit verantwortungsvollem Wirken im eigenen Kreis beiträgt. Eine Mischung aus langfristigem Denken und entschlossenem Handeln, aus Werten und Innovationen ist gefragt, um heute die Zukunft zu gestalten. Das alles bündelt sich im Begriff Nachhaltigkeit.

Für diese große Transformation, wie der Vorsitzende des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Schellnhuber formuliert, ist Mut unverzichtbar. Der Mut des Einzelnen, sich umdenkend denkend auf diese Veränderung einzulassen, und der Mut der Völker, den normativen Rahmen zu schaffen. Es sind also Mut und Veränderung gefordert. In einem Wort: Wir brauchen die MUTation. Mut, nicht nur Vorschriften zu erlassen, sondern den Wandel auch zu leben und Vorbild zu sein. Das Umdenken sowie die engagierte und beherzte Tat sind von uns gefordert. Heute.

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